Alexander A. Gronau


Ferius Feenuß in der Anderswelt

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LESEPROBE DES FABELHAFTEN KINDERBUCHES:



Erstes Kapitel; Ticken in der Nacht

Dichte Wolken, die die Gestalt von sieben schwarzen Raben hatten, lagen in einer winderfüllten Nacht über den Reihenhäusern einer Großstadt. Die Straßen waren leer, als hätten alle Menschen die Stadt verlassen. Denn es war finster und schon spät.

Nur ein leuchtendes Glühwürmchen flog über die Wege der Stadt und achtete auf keine rote Ampel mehr. Es fror und bewegte sich eilig auf einen blassen Lichtschein zu, den es am Stadtrand zwischen zehnstöckigen Hochhäusern in einer dunklen Stelle ausgemacht hatte. Dieses knopfgroße Licht durchschimmerte wundersam sanft die stockdunkle Nacht, wie ein Sternenlicht, das sich auf die Erde verirrt hatte.

Zu spät erkannte das Glühwürmchen, daß dieser Lichtschein kein anderes Glühwürmchen war, sondern das beleuchtete Fenster einer alten Villa, die in einem außerordentlich verwilderten Garten stand. Ihre krummen Wände waren derart schief, daß man meinen mochte, sie müßten allein vom bloßen Anschauen umfallen. Und wenn man länger auf sie blickte, glaubte man, sie veränderten ganz allmählich ihre Form. Das war sonderbar. Das Glühwürmchen sah vielleicht auch deshalb lieber in das Innere eines Raums, der mit meterhohen Bücherregalen vollgestellt war, und bemühte sich nicht gegen eines der Fenstergläser zu fliegen.

Ferius Feenuß, ein dünnes Männlein mit einem noch dünneren, fast nicht mehr zu erkennenden Zwirbelbärtchen, saß inmitten des überaus geräumigen Zimmers im Schlafrock müde auf einem Lehnstuhl. Er murrte vor sich hin, den Blick zornig auf einer goldenen Standuhr am anderen Ende des Wohnraums, der wie ein Antiquitätengeschäft aussah, voller nutzlosem Krimskrams, befand Ferius. Wozu sollte beispielsweise ein Teppich gut sein, der unentwegt seine Farben und Muster änderte?! Außerdem gab es eine eisenbeschlagene Truhe, die voller Karten war, die vorgaben ganze Sonnensysteme anderer Galaxien außerhalb unserer Milchstraße zu zeigen, mitsamt mehrerer Zeichnungen von dortigen intelligenten Lebewesen und einigen Büchern über deren philosophische Ansichten über das Leben. Einer der Autoren war zudem sein verstorbener Vetter Verius Vundus. Das war zu arg. Nichts davon konnte wahr sein!

Neben diesen dickleibigen Büchern stand ein ziemlich kleiner, zerbrechlich erscheinender Glasbehälter, in dem einst Apfelkompott gewesen sein mochte, da er danach roch. Er war nun aber absolut leer, und das aufgeklebte Etikett behauptete dennoch frech: "Inhalt: Die Pausen sämtlicher Beethovensymphonien." Das konnten alles nur Fälschungen sein! Denn wer vermochte schon Pausen zu sammeln und sie zudem in einem derart kleinen Glas abzufüllen?

Irgendwo lagen zwei altmodisch ineinanderschiebbare Ferngläser herum. Ein Scharlachrotes, auf dem geschrieben stand: "Wer durch dieses Perspektiv schaut, der wird darin das genaue Gegenteil seiner Person erblicken" Und ein in silberfarbenes Metall Gefaßtes, welches mit besonders krakeliger Handschrift beschrieben war: "Wer hier hindurch blickt, wird deutlich vor Augen geführt bekommen, welche Kraft die Welt und das Universum zusammenhält"

Wenn er auch das für ausgemachten Humbug hielt - genauso wie das Gefäß aus feinstem Kristallglas, das immer auf einer anderen Kommode oder Anrichte herumstand, und in dem ein rötlich rosiger Hauch schwallte, der als "Atmosphäre des Planeten Venus" ausgegeben wurde - hatte er es dennoch noch niemals gewagt, einen einzigen Blick durch eines dieser Ferngläser zu werfen.

Ferius hielt also dieses Zeug für alberne Fälschungen. (Wenn man auch anmerken muß, daß er erst gestern insgeheim - das heißt, ohne daß er es selbst recht bemerkt hätte - ein paar Krümel aus einem Gläschen genommen und in seine Hosentasche gesteckt hatte. Auf ihm stand geschrieben: "Eine kräftige Prise Glück". Inhalt war tatsächlich ein seltsam süßlich riechendes, gelbliches Pulver.)

Nichts konnte echt sein. Nicht der angebliche Abdruck des Hufes eines Zentauren. Oder das blank polierte Sonntagszweithorn eines Einhorns, das mit dieser Beschriftung oberhalb eines Bücherregales knapp unter der Decke aus der Wand ragte. In diesem Bücherregal lagerte übrigens ein ganzer Haufen Tagebücher, die dem Datum nach von Leuten geschrieben worden waren, die erst noch in der Zukunft geboren werden müßten. Denn sie stammten alle aus dem 3. bis 7. Jahrtausend.

Das war doch genauso unsinnig wie die Schatulle, in die - so glaubte Ferius - ganz einfach nur ein ovales Loch in den Boden geschnitten worden war, und in der nun ein Zettel mit der Aufschrift lag, daß es sich hierbei um ein Schwarzes Loch aus dem Weltraum handle, das einem gleich mit mehreren anderen Universen verbinden könne. Weiter stand da noch: Von Erasmus Sandardus (geboren 1631 und verstorben 1576) unter dem Bett seiner vollbusigen Geliebten Brambilla aufgefunden. "Das ist doch alles ein solcher Unsinn!" ärgerte sich Ferius, tief in den Plüschstuhl gelehnt; so tief, als hoffe er sich darin verbergen zu können vor dem blöde grinsenden Porträt eines glatzköpfigen, dickleibigen Elfen, das eingerahmt auf einer Kommode stand. Daneben war ein leeres Einmachglas für Himbermarmelade mit dem Etikett: Hierin ist der erste Kuß eines Liebespaares aufbewahrt.

Doch so oft es Ferius in den letzten Tagen auch betrachtend in die Hand genommen hatte und es ins Licht hielt, er konnte einfach gar nichts erkennen. Nur einmal hatte er den Eindruck, das Glas sei so leicht, daß es ihm beinah entschwebt wäre und es nur noch schwach der Erdanziehungskraft gehorchte. Dem ungeachtet hielt er auch das für ausgemachten Plunder. Alle Dinge des Krimskrams-Zimmers waren sicherlich Erfindungen seines vor wenigen Wochen verstorbenen Vetters Verius Vundus, in dessen Villa er nur der Mietersparnis wegen eingezogen war. Sicherlich hätte jeder vernünftige Mensch so gehandelt!

Das ganze Haus mit seinen Ecken, Winkeln und Wendeltreppen, die sonstwohin führten, mochte Ferius zudem nicht. Eine ganz normale Hochhauswohnung mit ordentlich rechtwinkligen Ecken wäre ihm lieber gewesen. Denn nichts war in dieser Villa übersichtlich. Selbst durch leere und gerade Gänge konnte man nicht klar hindurchsehen, als verberge sich irgendetwas darin. Und alles fand sich stets an einem anderen Platz als es abgelegt worden war. Es war geradezu, als machte sich jedes Ding im Haushalt einen Spaß daraus ihn zu foppen. Stunden, nein Tage hatte er gewiß schon damit zugebracht Besteck zu suchen. Er wußte genau, es in eine Küchenschublade gelegt zu haben. Gefunden hatte er es schließlich im Briefkasten! Nein, das war kein normales Haus!

Doch am ärgsten ärgerte ihn die goldene Standuhr mit bronzenem Zifferblatt. Sie war schon seit Jahrhunderten in Familienbesitz und tickte wann immer es ihr Freude bereitete. Das heißt, mal alle zwei Sekunden, dann wieder minuten- oder wochenlang überhaupt nicht. Oder ununterbrochen wie eine Schreibmaschine, auf der eine Schar Hennen herumläuft. Auf jeden Fall aber immer unregelmäßig. Darauf war als einziges Verlaß. Und Ferius Feenuß haßte Unregelmäßigkeiten. Denn niemand vermag dann zu wissen, wann und was als nächstes geschieht. Es blieb, selbst mit den besten mathematischen Formeln, unberechenbar. Das war das wahrhaft Schlimme daran.

"Die Uhr behauptet mit ihren dummen, krummen Zeigern tatsächlich, es sei jetzt sieben Uhr abends! Das ist doch nicht zu fassen!" schimpfte Ferius. Draußen schlug etwas gegen Fensterglas. "Tzz! Das hört sich gerade so an, als hätte ein Glühwürmchen sich den Kopf angeschlagen!" scherzte Ferius, etwas gequält lächelnd. Es sollte in dieser Nacht sein einziger Scherz bleiben!

"Wer soll je errechnen können, wann ein Glühwürmchen gegen ein Fenster fliegt! Die ganze Welt ist erschreckend unordentlich!" zürnte er. Die Zeiger der prunkvoll goldenen Uhr sprangen auf Zwölf. Ebensoviele dröhnende Klänge durchbebten das weiträumige Zimmer als entstammten sie einem bronzenem Gong. Die krummen Wände wackelten bedrohlich, daß Ferius Feenuß sich den Kopf hielt, als befürchte er, sie müßten samt der Decke auf ihn einstürzen. Der Lehnstuhl auf dem er ängstlich zusammengekauert saß, wurde währenddessen vom vibrierenden Boden immer wieder in die Luft gehoben, so als wolle der Stuhl jeden Moment mit ihm losfliegen. Die ersten Bücher schwankten in den Regalen, kippten um und flogen aufschlagend zu Boden, daß der Teppich erschrocken seine Farbe änderte. Ferius Feenuß glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, purzelten doch dutzende, nein hunderte von Märchenfiguren und Fabelwesen aus den Buchseiten heraus. Es waren japanische Gespenster darunter, Gestalten aus Phantasien und sogar ein Wolkenfresser, der durch den Kamin nach draußen flog, um nach Regenwolken Ausschau zu halten.

Ferius wurde blaß im Gesicht und stellte sich aufgeregt auf den Stuhl, als sähe er weiße Mäuse. Aber was da aufgebracht auf den Regalen herumlief und über den zitternden Boden herumkullerte waren Wesen, die es gar nicht geben durfte. Sie tuschelten erregt miteinander, sichtlich bemüht ihr Buch aus dem sie gefallen waren wiederzufinden. Ein Zentaurus versuchte mit seinem Pferdeleib in ein höheres Regal zurückzuspringen. Verschiedene Wichte, Kobolde und Trolle ließen Fäden zu den übrigen Märchenfiguren am Boden herab, an die sich diese mühsam hochzogen. Spitzohrige Elfen und Nachtalben trugen im Flug zerbrechlich dünne Strichmännchen in die Regale zurück. Manche Fabelwesen rannten gegeneinander und befragten sich meist ratlos, wo welches Buch war. Selbst wenn sie ihres gefunden hatten, mußten sie erst noch die richtige Seiten ausfindig machen. Was besonders schwierig war, wenn sie nur eine kleine Nebenrolle in einem dicken Roman spielten, und lediglich an einer einzigen Stelle vorkamen.

Eine Weile sah sich Ferius dieses Treiben an, dann schrie er wütend: "Es gibt euch alle nicht! Ihr seid nur Fabelwesen! Nichts als Kopfgeburten irgendwelcher Menschen! Verschwindet! Ich will euch nicht mehr sehen!" Und tatsächlich, wenige Augenblicke später war die letzte, etwas dicklich geratene Figur schwerfällig in das Buch von Alice im Wunderland zurückgekrochen. Der Buchdeckel schloß sich. Die um die siebentausend Bücher aus der sogenannten Bibliothek Nemeton seines verstorbenen Vetters Verius Vundus lagen nunmehr regungslos im Zimmer verstreut. Ferius schnaufte auf und sank entspannt in den Lehnstuhl zurück. Er lümmelte darin erschöpft herum.

Doch nur für einen Atemzug. Dann brach mit dem zwölften Schlag der Uhr unter ohrenbetäubendem Getöse ein nachtfarbenes Pferd aus der Bücherwand hervor, galoppierte auf ihn zu, daß ihm vor Schreck die Augen aus dem Kopf quollen. Es löste sich zu Ferius Erleichterung wenige Meter vor seinem Lehnstuhl gemeinsam mit dem Verklingen des zwölften Uhrenschlages sozusagen in Luft auf.

Dann war wieder Stille. Nur der weiße Putz rieselte wie Schnee von der Decke und bedeckte den Boden, die Gegenstände im Zimmer und nicht zu vergessen auch Ferius Feenuß Haupthaar, das jetzt weiß zu sein schien und den armen Betripsten um Jahrzehnte älter erscheinen ließ. Er saß kauernd im Lehnstuhl, sein Blick starrte in die Weite des Krimskrams Zimmers, was meint, daß der kleine Kerl kurz den Eindruck bekam, als dehne es sich in die Länge. Bis auf ein ungläubiges Kopfschütteln rührte er sich nicht.

Da stieß von außen etwas gegen Fensterglas. Es war das Glühwürmchen, welches sehr erstaunt darüber war, was es soeben zu Gesicht bekommen hatte. Zudem blieb es von dem wundersam sanften Licht angezogen, das von der goldenen Standuhr ausging und den weiten dunklen Raum durchschimmerte wie eine Sonne den Weltenraum. So war gar nicht leicht zu sagen, ob es im Zimmer hell oder dunkel war. Auf jeden Fall aber war es so still wie das Weltall tief ist.

Bis die goldene Uhr aufdringlich leise Tick machte und Ferius Feenuß erbost von seinem Lehnstuhl aufsprang, zur Standuhr so schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen hinlief und sich vor ihr aufstellte. Zum bronzenen Zifferblatt aufsehend, als sei dieses das Gesicht der Uhr, zürnte er: "Hör endlich mit dieser blöden Tickerei auf! Du gehst sowieso ganz falsch und raubst mir den letzten kostbaren Schlaf! Hier schau, was ich schon für Ringe unter den Augen hab, weil ich keines mehr zubekomme!" Die Uhr machte daraufhin kurz hintereinander, daß es beinah klang wie der stotternde Motor eines Mofas: Tick-tick-tick-tick-tick-tick-tick-tick-tick...

Ferius überschrie erbost dieses nervige Ticken: "Ich warne dich, wenn du so weiter machst, verkaufe ich dich an einen Trödler!" Er drehte sich schwungvoll um, rutschte auf dem geschmirgelten Holzboden vor der Standuhr aus, erhob sich rasch und trippelte mit schnellen Schritten, irgendetwas murrend murmelnd, aus dem Zimmer...



Photo von Lilia Alva
Vielen Lesern wird es ebenso ergehen wie Alexander A. Gronau, der das Ferius Feenuß in der Anderswelt- Buch geschrieben hat. Ihr werdet überall Wesen der Anderswelt erblicken, hinter Möbeln (die jedoch besonders alt sein müssen) und sogar in Türen (wenn diese urig sind). Auf dem nebenstehenden Bild ist der Schriftsteller vom guten Ferius Feenuß, also Alexander A. Gronau in Bamberg unterwegs und trifft dort in geheimen Gassen unversehens auf einen berühmten Dichter-Geist, der mit Ferius Feenuß' Vetter Verius Vundus verwandt sein mag. In der Geschichte werdet ihr erfahren, daß dieser äußerst andersweltliche Vetter eine grüne Mythenmütze besitzt mit der es Ungeheuerliches auf sich hat!




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"Ferius Feenuß in der Anderswelt"

Märchenhaftes Kinderbuch von Alexander A. Gronau,
mit 80 Illustrationen von Stella Springhart, einer Posterbeilage des Titelbildes
und einem Brief, ca 160 Seiten; 21,95 Eur.


Buch im Großformat, mit rotgoldenem Kopfschnitt manufakturgefertigt
und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten.


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