Alexander A. Gronau 
 
Der erste Zweig des Mabinogi 
 
Pwyll Häuptling von Annwvyn 
 




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Auszug aus dem keltischen Epos:


Pwyll war einst ein Häuptling auf der Halbinsel Cymmberland, dem die Sieben Ländereien von Dyved anvertraut waren; meist weilte er auf seiner liebsten Hügelfeste Arberth, die im äußersten Südwesten inmitten einer eigenen Halbinsel lag, die wie eine zauberisch verkleinerte Widerspiegelung ganz Cymmberlands war, wo sich die Mutter Natur in ihrem wildesten und lieblichsten Wesen immer kühn zeigte; ein grünes, hügelwelliges Land mit vielen Tälern, einsamen Bergen, Flußauen, Heiden, dichten Wäldern, Mooren und Küstendünen. Unter Pwylls Hand erblühte die Erde in fruchtbarer Fülle und gutem Korn. Nach einem alten Brauch als gewähltes Oberhaupt seines Volkes mit den Lebenskräften der elbischen Götter verbunden, wußte er auf vieles einen guten und weisen Rat. Noch lange erzählten sich die Menschen von dieser goldenen Zeit, die mit dem großen Wandel der Welt verlorenging, dem sich Pwyll an der Seite Rhiannons, der Elbentochter, so mutig entgegenstellte, worüber diese Geschichte erzählen will.

Pwylls Geschick entspann sich einst, als er einmal mehr auf der Hügelfeste Arberth Aufenthalt hatte. Dort trat ein weithin durch wilde Täler, über sanfte, satt mit Gras überwachsene Hügel und neben druidischen Steinkreisen gewanderter Barde namens Myddvai in die abendliche Runde seiner edlen Männer und Vertrauten. Pwyll wies ihm freundlich den gebührenden Platz an der Tafel, und unter dem Schein des Feuers, das über alle Gesichter der Anwesenden wie ein lebendig Wesen flackerte, hob Myddvai der Barde an eine Geschichte aus zeitloser Zeit zu erzählen. Mancher in der mit kräftigen Baumstämmen gestützten Halle merkte wohl, daß die Flammen des Feuers auf dem Antlitz des Barden ebenso wild und licht schienen wie auf Pwylls Angesicht, der jener erzählenden Stimme verbunden lauschte, die warm wie das Feuer selbst klang:

Eines Tages jagte ein Mann nahe der Wohnstätte eines Unholds in einer fernen und doch auch unweit, weil verborgen inwendig gelegenen Gegend über windige Landzungen und fürchterliche Moorpfade, dort wo ein breiter Strom bei dunklen Landstreifen sich unter der Erde verlor, ein Reh, welches ihm als erfahrener Jagdmann sehr gewandt und zierlich erschien. So wagte er diese Hatz trotz der Gefahren, die er kaum gewahrte. Jäh fiel das nurmehr steinige Land ab zu einem schattenreichen Walde von wurzelfesten Bäumen.” so sprach Myddvai der Barde, wie von Dingen, die er selbst geschaut.

Seine Stimme wurde gleichsam dunkler: “Die Überhänge fielen in einen sumpfigen Moorsee ab, das Reh aber stand in einem tiefen Grund, wo man nächtlich Wunder schauen kann und Feuer in der Flut, so geht die Rede. Dort sprang das Reh sehr behende, und doch nicht sonderlich schnell. Der Mann jagte auf seinem Rappen hinterher, über Wurzel und Waldwuchs; er war schneller als das Reh, doch sprang es wieder geschickt aus jeder Not. So sehr der Jagdmann sich abmühte, er gewahrte endlich alle Zeit zu fehlen und nie nahe genug heranzukommen, um mit dem Speer einen sicheren Wurf zu setzen. Nicht geheuer ist der Ort, dunkles Wogengemisch steigt zu den Wolken, da tut das Reh einen Satz und der Jäger tut es ihm auf seinem Rappen nach.

Und nun hört, es ward erzählt, daß bei der Nacht das Reh seine Gestalt wandelte, und eine der Töchter Rosmertas, der Königin von Annwvyn, der elbischen Götterwelt, stand in ihrer tiefgründigen Schönheit vor ihm, indem sie ihm von ihrer durch des Menschen Liebe überwundenen Not kündete, denn die wilde Jagd hatte sie aus des riesenhaften Unholds Land gebracht. Der Mann ward später zum Hochkönig erwählt, und seine Verbindung mit der schönen Andersweltlichen gereichte dem Land zu einer ungekannten Blühte.”

Ein vielstimmiges Säuseln ging durch die Halle wie ein beschatteter Frühlingswind. Pwyll aber blieb still nach dem Bardenwort, daß bald alle im Rund schwiegen, was ihm deuchte, als lauschten sie seinen inneren Gedankengespinnsten. Da sprach er dem Barden Myddvai feierlich Nachschank und bestes Lager zu. Die ihm vertrauten Männer merkten wohl eine zauberische Veränderung in Pwylls Wesen, da ihnen sein Blick innengewandter und silbriger erschien. Licht war durch Myddvais Worte in ihn gefallen.

In den folgenden neun sternenreichen Nächten träumte der unbeweibte Pwyll, der auf seiner Hügelfeste Arberth allein in einer Kammer ruhte, von einem mächtigen Hirschen; der zeigte sich im ersten Nachtgesicht noch zwischen dem lichtgrünen Blattwerk vieler Silberbirken in einem einzelnen Sonnenstrahl versteckt. In der zweiten Nacht führte er Pwyll, indem dieser ihm bereitwillig folgte, dichter in einen rotblättrigen Wald. Und in jeder weiteren der traumreichen Nächte folgte er dem Tier tiefer nach. Bis Pwyll zuletzt vollendet vor jenem Hirschen mit dem güldenen Schimmer im Geweih stand und er sich selbst in dessen Pupillen sah. So zeigte sich ihm der Hirsch, der als ein Seelenführer, als ein ins Dickicht der Wälder lockend rufender Gott der Vorzeit galt, zur einweisenden Jagd.

Pwyll ließ sich nach der neunten Nacht an einem in glühendem Rot entflammten Morgen Bogen, Köcher und neun Pfeile reichen; für jede Traumnacht einen. Er weihte sie dem Morgenlicht, und ihn ging augenblicklich die Lust zum Jagdaufbruch an. Der Ort, zu dem Pwyll sich wenden wollte, war - die farbige Beschaffenheit des Morgens schien ihm ein Omen - , der Rote Wald Glynn Cuch, der frei und wildgewachsen in kräftigen Stämmen und inmitten der Sieben Ländereien von Dyved gleichsam im Innersten seines Reiches lag. Noch am selben Morgen verließ er Arberth und ritt über manchen verschlungenen, waldreichen Weg, überquerte den Weißen Fluß, reiste durch zwei Fischerdörfer und erklomm einen Hügel, von dessen Gipfel er einen windumrauschten Blick hatte und noch vor dem Horizont auf das rotdurchsprenkelte Laubdach des ersehnten Waldes Glynn Cuch schaute. Schon in jener Gegend aber standen die Bäume zu Füßen der Hügel dicht, sah ihn manches Astloch mit wesenbewohntem Blick an.

Von den Einwohnern des in einem waldigen Tal gelegenen Dorfes Llwyn Diarwya ward er freundlich empfangen und fand sich mit prächtigen Forellen bewirtet, derer tagsüber viele gefangen worden waren, da der Weiße Fluß reichlich Wasser führte und von Forellen wie Lachsen nur so wimmelte. Er bettete sich bei einem Schmied in einem Haus mit einem Dach aus Stein zum Schlaf. Im Traum sah er sich betrachtet von Baumaugen, doch keinen stolzen Hirschen erblickten die seinen. So war er voll Ungeduld, da er in der ersten, zarten Morgenfrühe, die sich als Tau über alle Erde legte, erhob, um im nahen Roten Wald Glynn Cuch zur Jagd seine besten Hunde loszulassen, deren feiner Instinkt unübersehbar davon zeugte, daß jene Tiere zur gleichen Zeit Wächter an den vielschichtig verlaufenden Grenzen zur Unterwelt Annwvyn waren, denn die Ahnen aller Hund stammen aus jenem lichtgeheimen Reich.

Im Schein der Tagessonne am Rande des Roten Waldes bei einer Weißdornhecke auf seinem Roß sitzend, gab er mit dem Horn das Zeichen zum Beginn der Jagd, da ihn etliche Jäger aus Llwyn Diarwya begleiteten. Er ritt in das rankende Gehölz als erster und folgte den Hunden selbstvergessen. Und alsbald hatte er seine Gefährten verloren ohne es zu gewahren und drang auf seinem reichgezäumten Pferde immer tiefer in den samtigen Wald der roten Stämme vor. Als er einmal vom Bellen der ihm hörigen Hunde sein Ohr abließ, vernahm er das Gebaren einer unbekannten Meute, die ihm entgegenzukommen schien.

Im gleichen Augenblick gewahrte Pwyll eine Lichtung, die in der blumendurchwirkten Mitte des Waldes lag, in deren Herz wiederum ein Rotsüßapfelbaum mit weit hochgewachsener Krone und erhaben in einer immerwährenden weißen Blühte stand. Das Geäst, welches bernsteinfarben flirrte, hatte der Apfelbaum als einen mächtigen Lichtfänger weithin ausgespannt, sein Wurzelwerk mochte nicht minder mächtig im Erdreich tief bis in die Anderswelt Annwvyn gründen. Wie nun seine Meute an diesem Baum herankam, sah er einen ausnehmend prächtigen Hirschen aus dem Unterholz hervorbrechen, der vor fremden Hunden mit weißglänzendem Fell floh.

Da gewahrte Pwyll aus ihrer Richtung, wo Nebel im Geäst schwellte wie der Atem hoher Wesen, einen Reiter zügig sich nähern, aus jenen durch Gehölz und Gestrauch fließenden Schwaden graugrüne Gestalt nehmend. Auf einem gewaltigen Eisenschimmel stürzte er heran; ein Jagdhorn trug er um den schlanken Hals, der von einem Torques geziert war, dessen zwei Enden Tierköpfe in Unendlichkeitsknoten beheimateten; der Aufzug des Schimmelreiters war ganz aus graugrüner Wolle. Sein feingeschnittenes Gesicht aber schien wie die Sonne im klaren See zu glänzen, und seine Haut war von Falten durchzogen, die aber keine Ähnlichkeit mit denen des Alters auswiesen, sondern wie die Äderung von Blättern wirkten. Auf seinem Haupte stak ein gülden Geweih, das wie Sonnentau schimmerte. Jener unbekannte Reiter kam geradewegs auf ihn zu und sprach ihn mit einer Stimme barsch an, in der raue Schönheit klang, als seien alle Elemente der Natur in ihre Kehle gefallen: „Ich weiß, wer du bist, doch ich werde dich nicht begrüßen!“





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"Der erste Zweig des Mabinogi - Häuptling Pwyll von Annwvyn"

Keltischer Mythos, nacherzählt von Alexander A. Gronau, mit zahlreichen farbigen Ornamenten
der Buchkunst des 12. Jahrhunderts, einer Karte auf Pergamentpapier und einem
Laubblatt, erweiterte 2. Auflage, 176 Seiten; 23,95 Eur.

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