Alexander A. Gronau

DER WELTENRING

oder

Die Suche nach dem grünen Land

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Die Karte zeigt den Verlauf des unterirdischen "Weltenringes", dessen Existenz im Roman
von einer korrupten Weltregierung geheimgehalten wird. Er durchzieht den gesamten Erdengrund und dient sowohl militärischen Zwecken als auch der Energie-Gewinnung auf äußerst riskante Art. -In der Realität gibt es einen solchen "Ring" in der Schweiz bei Cerne. Dieser erzeugt weit mehr Hitze als ein Kernkraftwerk und im Falle eines Defektes seiner Kühlung wird er so zügellos und verheerend durchbrennen, daß es den Planeten zu durchtrennen droht. Zudem ist unklar, ob als Abfallprodukt der enormen Energiedichte nicht Schwarze Löcher erzeugt werden könnten.
Auf der Suche nach der letzten Grünen Aue kommt die Hauptfigur immer wieder in die bedrohliche Nähe des Weltenringes. -Nicht nur anhand dieses Motivs faßt der Roman unsere Zeit in einen modernen Mythos.

 



AUSZUG AUS DEM UTOPISCHEN ROMAN "Der Weltenring oder Die Suche nach dem grünen Land"

Vierzehntes Geschehen: In den Trümmern des Weltenringzeitalters

Vereint in den Trümmern der schwindenden Zivilisation * Fluchtweg über die Elbe *
Vom zerstörerischen Erbe des Weltenringzeitalters und der Hoffnung auf eine Handvoll fruchtbarer Erde aus Grüner Aue





















































































































































































Der Angekommene, der jahrelang im Koma lag, schmeckte einen weiteren Kuß honigfarben auf seinen Lippen. Es beschleunigte sein Erwachen aus mythischen Landschaften. Die Lider öffnend, war ein weibliches Gesicht - wie durch lichte Nebelschwaden hindurch - so nah über ihm, daß er wenig mehr als die schwanengleich geschwungenen Lippen sah. Er verwunderte sich, daß der diesige Dunst derart dicht beschaffen war, als habe dieser sich unmittelbar auf das Grün seiner Iris gelegt. Durch diese Schleier, die für ihn zugleich über grüne Auen zu schweben schienen, in welchen er zu liegen glaubte, beobachtete er, daß sich über ihm der einladender Mund der Frau zu einem beglückten Lächeln formte. Die Lippen öffneten sich, und mit den gesprochenen Worten hörte der Angekommene eine vertraute Stimme und roch im Atem eine Frau, deren unscharf zu erkennendes Gesicht von bernsteinfarbenen, langen Haaren, wallend herabfallend, gesäumt wurde, jedoch nicht wellig sondern reich gelockt.

„Ich begrüße Dich in unser aller Namen! Wir sind beglückt, Dich erwacht zu sehen!“ So streichelte ihm die Zwillingsschwester Annabel liebevoll über die Wangen, die noch heiß waren vom Quellengewässer der eben noch träumerisch beschrittenen Grünen Aue und belebend gerötet von den Küßen der darin von ihm aufgesuchten hochstirnigen Kelten-Fürstin.

Annabel sah in ein männliches Gesicht, das nur mühsam aus dem erlebten inneren Ort in die hiesige Welt fand. Bei aller Erschütterung ob des Erwachens, zeichnete sich ein zartes Gefühl in dessen Zügen ab, was auf der Erinnerung gründete, unter welcher Gefährdung des eigenen Lebens ihn Annabel vom Dach der Fabrikanlage aus den Fängen der Weltpolizei hatte befreien wollen. Als ihm dies faßbar wurde, träufelten weitere Ereignisse in sein Bewußtsein, zäh aber nachhaltig wie Sirup. Intuitiv griff er in Annabels bernsteinfarbenen Locken und machte Anstalten sie zu fragen, ob sie eine Tochter seiner ewigen Geliebten sei, der er in Gestalt der Kelten-Fürstin auf der Grünen Aue begegnet war. Da gewahrte er, daß sein Zungenmuskel noch nicht fähig war seine Gedanken zu formen. Dies wirkte auf Annabel, als sei er in der Welt ähnlich hilflos wie ein seiner Fruchtblase gerade entstiegenes, frisch geborenes Rehkitz. Nach neun Jahren, die der grünäugige Mann in einem komaähnlichen Zustand verbracht hatte, waren seine Muskeln schwach. Doch auf Annabel wirkten all seine Gesten viel mehr so jung wie die eines wiedergeborenen Lebens. Sie unterstütze seine leichte Bewegung im Nacken, als er aufzuschauen trachtete, da ein herankommender Schatten auf ihn fiel.

Balthasar war an seine Bettstatt herangetreten; bei aller ernster Angespanntheit war ihm die selbe Wiedersehensfreude zu eigen, wie seinem noch halb entrückt wirkenden Freund, der ihn mit leicht geweiteten Pupillen ansah. Bald pendelte der Blick des Angekommenen forschend zwischen dem bärtigen Balthasar und Annabel hin und her. Als er zu fragen ansetzen wollte, warum sie beide zwar geringfügig aber eben doch unübersehbar anders aussahen, - es war für ihn nicht benennbar - , da fiel sein Blick geblendet in die sonderbar weißlich anmutende Fläche, die im Hintergrund zwischen ihnen war. Er kniff seine Lider stark zu und mußte dennoch aus Neugierde unentwegt blinzeln. Zu seiner Beruhigung spürte er sich am Unterarm von Annabel unterfaßt, da sich für ihn langsam der ungefähre Rahmen eines äußerst großflächigen Fensters aus dem bloßen weißen Licht hervorhob. Dahinter zeigten sich ihm in der Entfernung einer gegenüberliegenden Straßenzeile riesige Wohnblocks. Zu seiner zusätzlichen Verwirrung waren deren Fassaden aufgebrochen und moosbedeckt; eine einzelne Birke sah er in einem der hochgelegenen Stockwerke aus einem der eingebrochenen Fenster in die freie Luft wachsen. Nirgendwo in den aufgebrochenen Hochhäusern aus Stahl gab es Anzeichen von Bewohnern. Seine Stirn schlug sich in Falten und zeigte Annabel und Balthasar seine sich überschlagenden Gedankengänge an.

Von einem zum anderen Moment erkannte der Angekommene plötzlich, daß in jenem Raum, in dem er sich selbst befand, gar kein panoramaartiges Fenster Bestand hatte, sondern vielmehr die gesamte Außenwand weggebrochen war. Der angenommene Vorhangstoff in den Ecken war in Wahrheit eine besonders dicke Plane, die offensichtlich dazu diente vor einer immer wieder windigen und naßkalten Witterung Schutz zu bieten. Daraufhin starrte er lange durch diesen zimmerbreiten Abriß in eine Großstadt, die zugleich zerstört und menschenleer war, wie nach einem Luftangriff, und doch sonderbar wild aus ihren ruinenhaften Grundrissen emporgrünte. Gewächse wie Wilder Wein und Giftefeu rankten sich an den blanken Mauern empor, auf denen sich nach Beendigung der luftverschmutzenden Abgase einer sich verflüchtigenden Zivilisation Flechten im dichten Wuchs ausgebreitet hatten. An den Resten der abgefallenen Fassaden der Hochhaustrakte waren Nester von Rotschwanzbussarden und Wanderfalken bräunliche Flecken. Als der Gedanke durch seine Sinne fuhr, ob es denn möglich sein könne, daß er sich hier mit seinen Freunden in der Stadt der Elbe befand, vermochten Annabel und der väterlich mit ihm vertraute Balthasar diesen klar in seinem Gesicht zu lesen.

Es dauerte, ehe er seinen Blick in das atemberaubend hochstöckig gelegene Zimmer zurückholte, in das - trotzdem es beiheizt wurde - längstens Sporen eingedrungen waren, die sich hinter die allmählich aufplatzenden Wände eingelegt hatten, wo sie die Stützpfeiler aufweichten und die Fußböden angriffen, um sich Lebensraum zu schaffen. Da sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, war der Raum für den Angekommenen nicht mehr grell überstrahlt, sondern lag vielmehr im angenehm weißen Licht eines klaren Tages; die Luft ließ sich mild atmen und war befremdlich frei von jenen Abgasen und Giften einer Megagroßstadt, die stets unterschwellig den freien Atem bedrücken. Während er erstmals bewußt ein leichtes, aber doch deutlich zu verspürendes Schwanken des Bodens gewahrte, das er fälschlicherweise auf den zittrigen Zustand seiner Muskulatur zurückführte, obgleich es davon herrührte, daß der jährliche Frost-Tauwetter-Zyklus die ungeheizten Gebäude der Stadt sich in ihrem Kern unentwegt ächzend aus- und zusammenziehen ließ, was die Verbindungen zwischen den Wänden und Dächern langsam aber unweigerlich löste, wanderte sein Blick durch den länglichen Raum, in dem eine weitere Zwischenwand eingebrochen war, was dessen Fläche fast verdoppelte. Überrascht sah er darin mehrere Gestalten stehen, die ihm zugewandt waren und nun langsam auf ihn zukamen. Die Furcht durchzuckte ihn, er werde nun zusammen mit seinen Freunden erneut in die Gefangenschaft der Weltpolizei geraten. Annabel umfaßte ihn beruhigend, worauf er erst erkannte, daß all die Menschen in ihren Haltungen friedlich wirkten, sie ihm geradezu wohlgesonnen zugeneigt waren.

„Erkennst Du Deine Verbündeten von der Gemeinschaft der Feuerblume, geliebter Angekommener?!“ hörte er die Stimme Annabels melodiös, und es drang weit in sein Gemüt. Erst nach ihren Worten vermochte er all die ihm unscharf gebliebenen Gesichter auszumachen. Er sah den Herren mit den altmodisch dicken Brillengläsern, die Dame mit den feinen Handschuhen, die jedoch nicht mehr vereist waren und den Mann mit der fleckigen Haut, die verheilt zu sein schien. Auch war da die zerbrechlich zarte Gestalt mit der tiefen, weit ins Gesicht gezogenen Kapuze, die keinen Reif mehr trug. Beglückt hellten sich seine Züge auf, da er beinah alle erkannte, während er sich innerlich fragte, wie lange seine Sinne noch benötigten, um nach seinem langjährigen Koma wieder vollständig in dieser Welt anzukommen. Doch er staunte auch gerührt darüber, daß all jene Menschen wieder um ihn waren. Selbst der schmächtige Mann mit der Fistelstimme und dem zu kleinen Hut, der ebenso kantig war wie sein Gesicht und welcher ihm in der Elbstadt auf einem Hinterhofmüllplatz den Zettel mit der geheimen Botschaft ‘Fluchtpunkt C’ in die Hand gedrückt hatte, war unter ihnen. Und die Frau mit dem Säugling saß auf einem einfachen Stuhl. Aber wo war ihr Kleinkind?, fragte er sich bestürzt. Stattdessen saß ein Junge auf ihrem Schoß, der das Alter eines Grundschülers hatte. Und wer war die blutjunge Frau, die sich jetzt zwischen Balthasar und Annabel stellte und ihn so mitfühlend ansah; sie ähnelte in Gestalt und Mimik dem Mädchen, welchem er zuerst in Balthasars Refugium begegnet war und das er später in der Grotte bei der reichgelockten Annabel wiedergesehen hatte. Und warum fehlten die beiden ältesten Mitglieder der Gemeinschaft der Feuerblume, die er immer für ein vertrautes, altes Ehepaar gehalten hatte? All diese Eindrücke suchte er einzuordnen, derweil er immer wieder befremdlich ein dezentes Schwanken des Raumes wahrnahm, als rühre sich der Weltenring im ausgebrannten Inneren des Erdengrundes wie aufgewühlt. Der Aufenthalt in diesem Gebäude fühlte sich an wie auf einem tonnenschweren Schiff, das in nicht mehr ganz seichten Meereswogen liegt. Er glaubte Trügerisches in dieser Ruhe wahrzunehmen, denn er war intuitiv darum aufgewühlt.

Die Keller des Hochhauses waren - wie bei allen Wolkenkratzern dieser menschenverlassenen Großstadt - mit Wasser vollgelaufen. Die von Asphalt versiegelten Böden hatten über Jahre hinweg keinen Regen aufnehmen oder ausschwitzen können. Da die Gebäude das Licht der Sonne reflektierten, weshalb all das Wasser kaum verdunsten konnte, hatten sich über den mit Schotter verstopften Gullys erste große Lachen gesammelt, die schließlich der Schwerkraft in die Kanalisation, in die U-Bahnschächte und in die Keller hineingefolgt waren. So waren mit den Jahren ganze Wasserläufe entstanden. Jeder Zeit konnte ein neuer Strom an die Oberfläche dringen, wenn weitere mit Wasser vollgesogene Decken der U-Bahn-Schächte einstürzten. Auch hatte sich in der Gegend ein unterirdischer Fluß gebildet, der einen ganzen Gebäudetrakt plötzlich ausschwemmen und damit umwerfen könnte. Die wasserumspülten Pfeiler jenes Gebäudes, in dem sie sich gemeinschaftlich befanden, rosteten und gaben mittlerweile fast täglich merklich nach, und doch war dieser Bau in einem noch weit besseren Zustand als die umliegenden Wolkenkratzer.

Annabel und Balthasar lasen im Angesicht des grünäugigen Angekommenen eine jäh aufflackernde Bestürzung und wendeten sich ihm sogleich fürsorglich zu. Denn wie unfaßbar abrupt war er durch sein hiesiges Erwachen von einer inneren Wirklichkeit der Welt in die nächste Gegenwärtige gestürzt? Die reichgelockte Zwillingsschwester beugte sich ihm daher mit besonders mildem Gesicht zu und legte ihre Wange sanft an die seine. Was sie daraufhin mit ihrer einvernehmend eigenwillig schönen Stimme zu ihm sprach, faßte er beinah als gesungen auf: „Bekümmere Dich nicht! Du hieltest in der Faust die fruchtbar dunkle Erde einer Grünen Aue fest umschlossen, als wir Dich auffanden. Wir wagten nicht Dich zu erwecken. Doch weil wir von den Weltpolizisten verfolgt wurden, durften wir keine Zeit verlieren. Wir mußten Dich mit uns nehmen, ohne daß wir es wagten, Dich zu erwecken. Dein Bewußtsein aber weilt vielleicht noch immer dort.“

Der stämmige Balthasar setzte sich zu ihm auf die Bettstatt. Dessen Bart und Haar war ein wenig länger, als er es an ihm kannte, und er schien ihm unbedeutend älter zu sein. Die Augen des Angekommenen blitzten auf, denn endlich konnte er seinen Eindruck des Befremdens ob der leichten äußeren Veränderungen an seinen Freunden benennen. Dies bereitete ihn bereits unterschwellig auf all das vor, was ihm Balthasar nun erzählte: „Wir mußten damals am Tag Deiner Gerichtsverhandlung den Weltenring unter höchstem Risiko abschalten, da er - wie wir zu unserem Entsetzen feststellen mußten - kurz davor war, die ersten Schwarzen Löcher zu verursachen; wir wissen auch nicht mit Gewißheit zu sagen, ob nicht bereits einige winzige Löcher im Inneren der Erde entstanden sind; und wenn ja, so wissen wir nicht einzuschätzen, ob sie sich so rasch ausbreiten könnten, daß sie unsere Erde in den nächsten Jahren oder Jahrhunderten auffrässen. Zu unserer unbeschreiblichen Erleichterung haben wir für die tatsächliche Entstehung von Schwarzen Löchern keine Anhaltspunkte. Außerdem droht der Erde, also unserer Göttin, aufgrund der Energieverwerfungen und Unwuchten des Weltenringes in ihrem Inneren, ein Herzinfakt, der alles Leben auf ihr unweigerlich zerstört hätte. Es gab bereits in verschiedenen Regionen vermehrt heftige Erdbeben. Der bedeutsame Erdkern, das Herz der Erde, war bereits mehrmals ins Stocken geraten, und wir befürchten, daß er alsbald gänzlich zum Stillstand kommen könnte. Bei einem Herzstillstand unserer Erde bräche augenblicklich das Erdmagnetfeld zusammen, und damit würde die kosmische Strahlung ungehindert auf uns herabregnen, aber nicht befruchtend sondern endgültig alle Lebensformen tödlich verstrahlend.“ Balthasar nahm die Hand des Angekommenen und drückte sie aufmunternd, da er dessen Pupillen in ihrem lindgrünen Grund ob seiner Worte unruhig im Auge hin und her springen sah. Erst dann fuhr der vielwissende Mann fort: „Du darfst nicht darüber erschrecken, daß Du lange geschlafen hast. Du hast dadurch viele Schrecknisse nicht miterleben müssen, die der Fortbestand des Weltenringzeitalters mit sich bringt. Wir werden Dir mehr, wenn nicht alles darüber erzählen, sobald Du etwas besser bei Kräften bist. Wir müssen diesen Unterschlupf schon morgen räumen. Wir wollen kein Risiko eingehen. Wir sind schon zu lange hier! Wir hofften auf Dein Erwachen, da wir Anzeichen dafür an Dir wahrnahmen. So verweilten wir noch, um nichts aufzustören, was Du bei Deinem Schreiten durch die fruchtbaren Gründe der Grünen Aue innerlich erlebtest.“

Die Stirn des Angekommenen umwölkte sich, da er Balthasars letzte Aussage so verstehen mußte, daß die Bedrohtheit für sie noch nicht überwunden war. Er suchte vergeblich fragende Worte mit seiner Zunge zu formen, die sich jedoch nur als unartikulierte Laute äußerten. Annabel lächelte ihn sanft an, darin lag etwas ihn so tief Berührendes, da er gewahrte, daß sie ihn aus seelischer Zuneigung trösten wollte: „Es ist gut, daß Du erwacht bist! So müssen wir Dich nicht im Schlaf in eines der Boote verschaffen. So wird alles leichter und gefahrloser gehen!“ Er genoß die Berührung ihrer Hand sehr. Lange Augenblicke dauerte es, in denen die übenden Bewegungen seines Zungenmuskels in seinem Mundraum überaus deutlich zu sehen waren, ehe er unbeholfen lallte: „Ich verstehe noch nicht! Wie lange habe ich geschlafen?“

„Neun Jahre!“ Die reichgelockte Zwillingsschwester sagte es betont milde, um dem möglichen Schrecken in ihm willentlich lindernd zu begegnen; und er starrte sie wie mit festgefrorenem Gesicht an. Sie und Balthasar deuteten es als die Schockreaktion, die sie im Stillen befürchtet hatten. Als sie ihn jedoch - beinah wie entrückt - raunen hörten: „So war ich neun Jahre in der Grünen Aue bei der hochstirnigen Kelten-Fürstin, einer Tochter Alesias und die Priesterin der güldenen Quelle!“

Balthasar beugte sich ihm mit dem Oberkörper, vom Gehörten wie elektrisiert, auf das Äußerste fasziniert, entgegen: „So hattest Du eine mythische Erfahrung?!“ fragte er bedachtvoll und begeisterte sich am leisen Nicken des Angekommenen. „Annabel und ich hatten es vermutet, da wir den besonderen Ausdruck Deines Gesichtes oft bemerkten und ihn stundenlang ausgiebig ausdeuteten. Du mußt uns später darüber berichten, wenn Du wieder gut bei Kräften bist!“ fuhr Balthasar im zärtlich brüderlichen Ton fort und begann damit bei ihm eine Nadel vorsichtig aus der Vene seines linken Unterarmes zu entfernen, die der Angekommene dadurch erst an seinem Körper bemerkte. Er war offensichtlich mittels eines durchsichtigen Schlauches, den er ebenso erst jetzt bemerkte, an einen nährenden Tropfer angeschlossen gewesen. Annabel fuhr ihm über seine in Falten gezogene Stirn, die sich unter ihrer Hand glättete: „Jetzt solltest Du Dich ausruhen, etwas essen und vornehmlich viel trinken. Wir sollten zuviel an Aufregung für Dich vermeiden! Wer in einem Zwischenreich war wie Du, dessen Seele muß erst wieder allmählich im Hier ankommen!“ meinte Annabel mit liebendem Blick und kam nicht umhin in sein Haar zu greifen, das weit über seine Brust fiel. „Es ist sehr gewachsen während Deiner Suche nach der Grünen Aue!“ lächelte sie. Ihm gefiel es, ihre Freude darüber zu sehen. Sie begann ihm zärtlich einen Zopf zu flechten.

„Ich werde ihm etwas zu essen bringen!“ bot sich das zu einer jungen Frau gewordene Mädchen an, deren Haar immer noch wellig wie das Meer war, und begab sich in einen halb aufgesprengten Nebenraum, um dort mit Utensilien, die aus zig verlassenen Hausständen zusammengeklaubt waren, etwas leicht Verdauliches anzurichten. Die Mitglieder der Gemeinschaft der Feuerblume traten derweil näher an ihren grünäugigen Freund heran und umringten eng sein Bett. Sie achteten es hoch, daß er so weit und so lange gewandert war, um die letzte Grüne Aue der Erde für sie alle aufzufinden und bei sich zu tragen ihre heilende Fruchtbarkeit.

„Es ist so schön euch alle zu sehen!“ begrüßte sie der Angekommene, jetzt mit etwas weniger Schwäche in der Stimme. „Ihr habt mir damals in der Stadt die Tür geöffnet und die Wärme eures Feuers gezeigt!“ - Es ist auch für uns bedeutsam, Dich wieder im wachen Zustand bei uns zu haben!“ sprach der Mann mit dem wiedergewonnenen Gedächtnis; der Angekommene sah an allen seine als Amulette getragenen Spiegelsplitter. Wehmütig und verstohlen berührte er den ein oder anderen dieser Splitter, da sie ihn umarmten. Besonders zärtlich war die Berührung der Frau, die er bisher nur als stillende Mutter gekannt hatte. “Wir lieben Dich!“ flüsterte sie ihm ins Ohr. Der Angekommene schwieg darauf berührt und rang sichtlich mit seinen Gefühlen, die ihn zu überwältigen drohten; deutlich war es in seinem Hals auszumachen, an dem die unstete Bewegung seines Kehlkopfes zu sehen war.

Nach dem Essen fühlte sich der Angekommene nochmals ermattet und schlief ein. Mehrere Schwankungen des zerfallenden Hochhaus-Traktes mischten sich als Erdbeben in seinen Schlaf, die der gigantische Weltenring im Erdengrund wirkte. Bei fortgeschrittener Dämmerung erwachte er wieder und sah, daß sein Schlaf erneut von Annabel zärtlich bewacht worden war. Auf Balthasars Wirken hin, setzten sich nur wenig später alle zu Boden, indem sie einen nicht allzu weiten Ring um ein Lagerfeuer auf blankem Betonboden bildeten; es war die von der Gemeinschaft in all den Jahren gewissenhaft gehütete Feuerblume. Und während sein Blick immer wieder über die befreundeten Gesichter im Rund schweifte, - die als Amulette getragenen Spiegelsplitter reflektierten das blumige Feuer vielfach, dessen Wärme der Angekommene wohlig, beinah bitzelnd auf sich spürte - , manchmal kam er auch nicht umhin durch die brachliegende Wand auf die in nächtlicher Dunkelheit nur zu erahnende, ruinenhafte Stadtsilhouette - immer noch ungläubig - hinauszublicken, erzählte er mit einer ergriffen gedämpften Stimme von seiner Suche nach der Grünen Aue, erzählte wie sich ihm deren innerer Ort hinter dem Raum auftat, er in ihr Gewässer gestiegen war, in dem er sich tauchend hatte treiben lassen, bis er ganz in den wohligen Sog der heißen Quelle als den Schoß Alesias geraten sei. „Das güldene, körperwarme Wasser war wie ihr belebendes Blut.“ wußte er zu umschreiben. Und das leichte Schwanken des Bodens des Hochhauses verstörte ihn ebenso wie er es als stimmig empfand, da es ihn unterschwellig an seinen beinah schwerelosen Zustand im fließenden Grund erinnerte. Balthasars nußbaumbraune Augen schienen ihm so weit geöffnet, als fiele jedes von ihm beschriebene Erlebnis als eine lebendige Erfahrung in sie hinein. Als der grünäugige Mann endlich von seiner Begegnung mit seiner hochstirnigen Kelten-Fürstin auf dem nach Honig- und Apfeltau duftenden Eiland erzählte, da glaubte er, daß seine lindfarbenen Augen, die sich nach Annabel ausrichteten, ihr doch gewißlich die dringliche Frage seines Gemütes verraten müßten: „Bist Du die Tochter meiner ewiglichen Liebe?“

* * * * * * * * *

Als der Angekommene am nächsten Morgen auf seiner Bettstatt erwachte, war zu seiner Verwunderung der ohnehin recht spärlich eingerichtet gewesene Raum gänzlich kahl. Augenblicklich fürchtete er auf sich alleine zurückgefallen zu sein, was ihn gemütszerrütend angriff. Die Panik, die Weltpolizei wäre während seines letzten Schlafes in das Hochhaus eingedrungen und hätte seine Freunde verhaftet und ihn lediglich übersehen, bemächtigte sich seiner. Er setzte sich hochschlagenden Herzschlages auf und sah sich im aufgerissen weiten Raum mit seiner gänzlich eingefallenen Außenwand nochmals hektisch um und fand tatsächlich niemanden darin vor. Es erschütterte ihn wild; all die während seiner langen Suche nach der Grünen Aue erlittenen Traumata brachen in ihm wieder auf. Doch nur für Sekunden, denn mit einer unbeschreiblichen Erleichterung vernahm er die wohltuend entspannte Stimme Balthasars, in der ein beglücktes Lachen tiefer Tonlage schwang: „Ich grüße Dich! Wie war Dein Schlaf? Kehrtest Du in grüne Lande zurück?“

Der Angekommene blickte aufgrund seiner grundsätzlichen Erschöpfung müde, jedoch glücklich auf und sah auf seinen fast väterlich vertrauten Freund Balthasar. Jener stand in einer Haltung, die bewundernswert in sich ruhte, nur einen Schritt vor der abgerissenen Außenwand, die wie ein weites Tor zu einer unmittelbar dahinterliegenden Großstadt war, die auf ihren eingestürzten Fassaden und aufgerissenen Dächern grün mit Farnen, Moosen und sogar Bäumen bestanden war. Balthasar stand so untangiert wie ein Seiltänzer am Abbruch des Hauses, der gleichsam wie der Abgrund der schwindenden Zivilisation war, daß er wie außerhalb allen Dramas wirkte, als könne er sich sicher sein, das alte Weltenringzeitalter der Erdausbeutung mit ihnen allen zusammen zu überdauern und zu den ersten Menschen einer neuen Epoche zu gehören. Er wirkte in diesen Momenten des freien Stehens an der zeitaltergleichen Schwelle auf den Grünäugigen im Ganzen als der Hüter des Abgrundes zur ruinösen Zivilisation. Balthasar reagierte einmal mehr ohne das geringste Aufheben darum zu machen auf seine unausgesprochenen Gedanken, da er im verschmitzten Ton sagte: „Wir befinden uns hier leider nicht vor dem schöpferischen, grundlosen Abgrund des keltischen Annwvyn. Doch eine neue Welt wird - so hoffen wir - soeben geboren, gewiß steht sie noch in den schwersten Nachwehen des Weltenringzeitalters. Denn wir wissen nicht, wie sehr jener künstliche Ring im Erdinneren alles Leben noch bedroht, er sie zum Bersten bringen kann, oder sich sogar durch den Erdkern, und damit durch die gesamte Welt hindurchschmelzen könnte!“

Der Angekommene stand auf, um sich zu Balthasar an die ausgebrochene Fensterwand zu begeben. Erst während dieses Ganges vermochte er die Höhe des Stockwerkes auf mindestens dreißig Etagen zu schätzen, was ihn fast einschüchternd beeindruckte. Sein bärtiger Freund erwartete ihn mit offenem Blick, in welchem all die Erinnerungen an ihre langen Gespräche in der Fabrikanlage als ein bitzelndes Feuer auflebte. Als der Grünäugige zu ihm an den Abgrund des Gebäudes trat, war er derart überwältigt vom zerfallenen Zustand der verlassenen Megastadt, die von etlichen Pflanzenarten befreiend durchwachsen wurde, daß ihn Balthasar kräftig am Arm festhielt und entschlossen einen Schritt in den Raum zurückzog. Doch auch von hier aus, sah er angetan einen weißgefiederten Falken edlen Gleitflugs im erfreulichen Arzurblauen, da das Himmelsgewölbe durch das Marode der zahlreich aufgebrochenen Hochhausbauten berauschend licht hindurchschimmerte. Durch einige offenstehende Stockwerke voller zerbrochen umgestürzter Möbel, die moosüberzogen waren, sah er erstaunt mehrere Luchse schleichen. Kurz darauf bebte der Boden, was in ihm sofort die Vorstellung des Weltenringes im Inneren der Erde aufwarf. Als er vor seinem geistigen Auge sah, daß dieses künstliche Konstrukt, das der Erde im monströsen Umfang Energie abzapfte, sich mit jeder neuen Erschütterung ein Stück tiefer Richtung Erdkern als dem Herz der Welt durchschmolz, erfaßte ihn gemeinsam mit einer ungekannten Angst ein schreckliches Zittern. Es half dem Angekommenen, daß er sich augenblicklich von Balthasars Armen eng umfaßt spürte. Im selben Moment wurde ihm gewahr, daß längstens nicht alles ausgestanden war, vielmehr schien die höchste Not erst zu beginnen.



"Der Weltenring oder Die Suche nach dem grünen Land"

Utopischer Roman von Alexander A. Gronau, mit einer Bildtafel versehen,
textlich erweiterte 3. Auflage, 350 Seiten; 33,95 Eur.

Buch im Großformat, mit rotgoldenem Kopfschnitt manufakturgefertigt
und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten.


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