FREI WIE DER WIND - Tah-OH-pe Nagi

Indianischer Roman von Alexander A. Gronau

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Aus dem Roman indianischer Gegenwartsthematik "Frei wie der Wind, Tah-OH-pe Nagi":

Die flirrenden Umriße grasbewachsener Hügel lagen als grünliche Schatten in der Talsenke einer Reservationskleinstadt. Mehrere Kinder liefen in zerschlissenen Kleidern eine Bundesstraße entlang, die durch die Wellblechsiedlung führte. Hinter ihnen hob sich ein älterer Farmer - wenig mehr als das Gerippe eines Mannes - schwerfällig aus einem mit Einkaufstüten vollgestellten Wagen, und warf mißmutig einen trachtenden Blick auf den Kotflügel seines Fahrzeugs, sich vergewissernd, ob das Blech von jenen Kindern mit bronzenem Teint nicht verkratzt worden war. Doch im schadlosen Metalliclack glänzte der Schein einer im zeltförmigen Himmelsgewölbe flachstehenden Tagessonne. Vor der Einfahrt zur Siedlung war ein Hirsch auszumachen, der sein schweres Haupt in den blass-bläulichen Straßenteer hinabbeugte. Indem sein Geweih in den Teer eindrang, wurde dieser zu einem fließenden Flußlauf.

Ein schmales, von erdbraunem Haar gesäumtes Gesicht ruhte still auf einem Kissen, die Pupillen unter den Augenlidern bewegt. Vermehrt von Bildern erfüllt, die der Straßenlärm der umliegenden Büroblocks in die Vorstellung des Träumenden setzte, atmete er im Schlaf den Geruch von chemisch gereinigter Bettwäsche. Er wendete sich nach Stimmen verwandter Kinder auf den schadhaften Straßen der Reservation, die seinen Namen wiederholt riefen, den beißenden Geruch von Benzin als Erinnerung im Geträumten.

In eine Decke gehüllt, kam er zu sich, sah auf das weiße Laken, und hatte herrschende Stimmen um sich. Ein Beinpaar in einer Hose aus dünnem Stoff wischte an ihm vorüber. Vor der Waschnische riß Phil dem jüngeren Rick etwas aus der Hand.

Der eben noch von der Heimat geträumthabende Tom bemerkte erwacht die Blässe des morgendlichen Lichtes, das von den leicht verschmutzten Glasscheiben der Fenster gebrochen matt in den getünchten Raum der Erziehungsanstalt schien. Müde setzte er sich auf, sah zum Waschbecken, vor dem die Jugendlichen noch immer standen. Der dürre, hochgewachsene Rick hielt den Hals besorgt gegen den Spiegel, der wie ein Stück gefrorenes Wasser Helligkeit in den blassen Raum warf. Beinah ängstlich tastete er sich über die entzündeten Hautpartien. Er hatte sich erstmals ohne Schaum trocken rasiert, um den Flaum an der Oberlippe zu entfernen. Zaghaft hilfesuchend, wendete er sich nach Phil. Dieser nahm ihm die halbvolle Plastikflasche grob aus der Hand und stellte sie entschlossen auf das rot lackierte Brett oberhalb des Waschbeckens.

George befand sich vor der geöffneten Schranktür. Er legte sich sorgfältig zusammengelegte Kleidungsstücke auf die Unterarme, während Tom behutsam die Bettdecke zurückschlug. Der Stoff rieb trocken an seinen Fingern. Durch den Schlafanzug spürte er kühlere Luft auf seine Haut dringen. Um aufzustehen, rutschte er auf den Metallrand des Bettgestelles. Strähnen des lang gewachsenen Haares fielen wie warmer, erdbrauner Regen über schmächtige Schultern. Ein Zögern lag in der Bewegung, mit der er die Füße auf den blanken, zu kühlen Boden setzte. George ging an ihm vorüber, lud am Bett, das auffallend sorgfältig gemacht war, seine Wäsche ab. Er wendete sich in das Zimmer, indem er sich das übergezogene Hemd in den Hosenbund steckte, und überlegte, ob heute in Chemie mit einem Test zu rechnen sei. Sein kurz geschnittenes Haar war von einem kräftigen Braun-Schwarz.

Rick drehte sich vom Waschbecken, legte das von Leitungswasser besprenkelte Handtuch beiseite. Er hatte sich die entzündeten Stellen seiner Haut abgekühlt. Er lief zur Kommode. Tom hatte dies beobachtet und ging nun über den Boden, der aus Kunststoffplatten bestand, zum frei gewordenem Waschbecken. Er trat dort auf einen wärmenden, ausgebleichten Vorleger, drehte an einem Griff das Gewinde des Hahnes auf und blickte in einen gischtaufwerfenden Wasserstrahl. Er beugte sich herab, daß zerstobene Wasserteilchen die erdbraune Haut des schmal geschnittenen Gesichtes benetzten. Der gebündelte Strahl traf auf den Hinterkopf und zerlief in schmalen Bächen über dem dichten Haar. Durchnäßt hing es ihm als Schopf wie nasse Erde über die Augen hinweg. Das sich aus der Leitung ergießende Wasser drang erfrischend in seine Kopfhaut. Der Traum von einem geweihtragenden Hirschen an einem Gebirgsstrom mischte sich mit den verdunstenden Spurenelementen des Wassers blaß in die Farbe des Keramikbeckens und dem frühen Tageslicht.

Tom lehnte sich gegen das Geländergestänge des Hofes; er verweilte dort bis es Vormittag geworden war und sein Rücken die Temperatur des Metalls angenommen hatte. Sein Blick blieb meist in den hinteren Teil der Anstalt gerichtet.

Gestalten von Schülern, die er nur schemenhaft wahrnahm, ohne auf die Gestiken der Bewegungen und die Mimik ihrer Gesichter zu achten, liefen durch sein Blickfeld; der Benzingeruch der umliegenden Straßen hinter dem Anstaltszaun drang nur unterschwellig in sein Bewußtsein. Es wurde - wie das Geschehen im Hof - von seinen Vorstellungen überlagert, die den Rhythmus seines Atems prägten.

Der Onkel saß im Wohnraum seines Wellblechhauses auf einem alten Sofa mit abgewetzt grünem Bezug. Der Oberkörper des Onkels war lediglich mit einem Unterhemd bekleidet, trotzdem es bereits später Nachmittag war. Er selbst blickte zu seinen leiblichen Eltern, die vor einem schadhaften Tisch standen. Er war an der Seite der Mutter, ihr Bein umfassend, den Kopf an ihre Hüfte gelehnt. Er sah die Gesichter um sich besorgt. Der Vater bat den Bruder ihn aufzunehmen solange er und seine Frau in Untersuchungshaft einbehalten würden. Er folgte dem Blick des Onkels, der an den Eltern vorbeiging. Hinter der Glastür der Wellblechhütte warteten zwei Polizeikräfte; ein Sprung im Glas verlief durch die Silhouetten ihrer Uniformen.

Vom Tisch trat der Onkel vor, auf dem einige halbgeleerte Flaschen standen und umarmte nickend die Eltern. Mutter, die wegen ihrer verbotenen Versorgung der Demonstranten an den Blockaden abgeführt wurde, drückte ihn zum Abschied lang und hielt ihn eng umschloßen. Die Tränen an ihren Wangen benetzten ihn. Die Polizeikräfte öffneten die Tür und taten einen Schritt ins Zimmer. Sie forderten zum Gehen auf; es war unmißverständlich. Vater löste ihn sanft von Mutter. In seiner Gestik lag Verzweiflung. Vater beugte sich vor sein kleines Gesicht, die Lippen bewegt. Die Worte von damals waren in tiefen Erinnerungsschichten verborgen. In der Art, in der Vater den Arm um seine Mutter legte, war etwas kraftlos Zärtliches. Die Haltung der Mutter war gedrungen. Sie erschien ihm zu schwach, um allein gehen zu können, weshalb Vater sie nach draußen führte, indem er sich unscheinbar auf sie stützte. Während ihres Weges durch den Vorgarten, in dem ausgebaute Autoteile um zwei Wagenwracks umherlagen, die als auszuschlachtendes Ersatzteillager dienten - den in mythischen Zeiten an der Sonne trocknenden Fleischstücken zerlegter Bisonkadaver ähnlich - wendeten sich die von den Polizeikräften umgebenen Eltern noch häufiger nach ihm. Er blickte ihnen durch die Tür mit dem gesprungenen Glas nach. Sie wirkten müde als sie in den Streifenwagen einstiegen.

Der Polizeiwagen fuhr an, wendete und bewegte sich eine Schotterstraße mit Schlaglöchern entlang. Erst als der Wagen hinter anderen Reservationswellblechhütten verschwand, aus deren Fenstern und Vorgärten aufmerksam gewordene Nachbarn und Freunde besorgt schauten, brach sein Blickkontakt zu den Eltern ab, - stumm hatten sie noch aus dem Rückfenster des Streifenwagens zu ihm hingesehen. Er fiel in einen Schreikrampf. Der Onkel stand hilflos neben ihm und führte ihn in die Fertigbauhütte zurück. Er redete auf ihn ein. Er sagte, die wenigen Tage bis ihn seine Eltern wieder abholen kämen, würde er bei ihm schon aushalten. Dennoch war etwas im Klang der Stimme des Onkels, das ihm die Angst, die Eltern nie wieder zu sehen, nicht nahm. Niemals fragte er in den folgenden Wochen den Onkel nach der Rückkehr der Eltern, als fürchte er die Antwort. Er wollte die Hoffnung, daß die Eltern ihn eines Tages abholten, nicht aufgeben müssen. -Nach wenigen Monaten beim Onkel entrissen ihn andere Beamte. Seine gesamte Verwandtschaft war als zu mittellos befunden worden, um angemessen für ihn Sorge tragen zu können. Erst aus der Rückbesinnung vermochte er den damaligen Zustand seines Onkels zu begreifen.

Während der Wochen, die Tom bei ihm verlebte, war dieser meist den halben Tag vor dem Bildschirm gesessen. Manchesmal hatte er den Onkel in einem angetrunkenen Zustand erlebt. Er mochte den Onkel und verstand nicht, weshalb dieser nur selten zu den traditionellen Familienfeierlichkeiten gekommen war. Erst jetzt erfaßte er den Gehalt eines Gesprächs, dem er als Kind beiwohnte. Nach einer im elterlichen Haus abgehaltenen Feierlichkeit, hatte der Vater seiner Mutter das Fernbleiben des Bruders mit einem Autounfall erklärt, bei dem dieser vor Jahren seine Familie verloren hatte. Er habe sich während der Fahrt mit seiner Frau über einen verlorenen Job gestritten, ausgerechnet vor den Kindern, die auf den Rücksitzen saßen. Er konnte bei überhöhter Geschwindigkeit einem nachts entgegenkommenden Wagen nicht mehr ausweichen, stieß frontal mit ihm zusammen. Der Onkel hatte als Einziger überlebt. Als Siebenjähriger hatte Tom die rechte Vorstellung für dieses Unglück gefehlt, auch wenn er die Tragödie aus dem Tonfall der elterlichen Unterhaltung verspüren konnte. Er selbst war bei seinem Onkel nie einer Frau oder Kindern begegnet. Ihre Existenz war ihm nie bewußt gewesen.

Den Blick länger unbewegt im Hof, dort wo das Gestänge der Klettersproßen aus dem Sand stach, begann er etwas zu verstehen: Der Onkel hatte seine Frau und seine Kinder verloren, weil er stets zu jenen Männern im Reservat gehört hatte, die als Saisonarbeiter auf den Feldern der umliegenden Farmer und in den verarbeitenden Fabriken zuletzt angestellt und zuerst gefeuert wurden, dem sein Stolz, seine Würde genommen war. Die meiste Zeit des Jahres blieb er arbeitslos und darbte von den geringen Sozialhilfezahlungen, die nicht wenige innerhalb der Reservation als billige Entschädigung für ihr gestohlenes Land betrachteten. Und jenes Land bedeutete noch immer Leben. Ein Leben von dem sie sich abgeschnitten empfanden.

Als ältestes Kind seiner Großeltern gehörte der Onkel noch jenen Generationen an, die auf den Missionsschulen die als überlegen verkündete angloamerikanische Lebensweise zu erlernen hatten. Dort - tief im industrialisierten Osten - blieb er für ein Jahrzehnt vom Zuhause, den Eltern, seinen Verwandten, dem vertrauten Umfeld der heimischen Reservation abgeschnitten. Für jedes Wort, das er auf den Missionsschulen in seiner verbotenen Muttersprache äußerte, wurde er von den Nonnen mißhandelt. Sie wuschen ihm den Mund mit Seife aus, schlugen ihn mit peitschenden Rohrstangen, ließen ihn Fußböden mit Zahnbürsten reinigen, sperrten ihn Stunden bis Tage in stockdunkle Karzer. In den katholischen, evangelischen oder mormonischen Missionsschulen kam es gehäuft zu sexuellem Mißbrauch. Die Kirchenangehörigen vergewaltigten die Kinder der Ureinwohner, deren Kultur sie als vom Teufel besessen erklärten. Sie durften einzig an einen weißen Gott glauben, der sie, wenn sie fromm genug wären, vielleicht von ihrer verfluchten dunkleren Hautfarbe reinwüsche.

Als der Onkel im Alter eines jungen Mannes auf die Reservation zurückkam, sprach er kein Wort Mohawk mehr. Er war entfremdet, ging zu keiner Schwitzhüttenzeremonie mehr, zu der ihn Vater und seine jüngeren Geschwister einluden. Häufiger hörte er die Familienmitglieder mit dem Onkel erregt darüber sprechen: "Es würde dir gut tun, glaube mir! Es heilt dich, deine Seele! Den Weg unserer Ahnen zu gehen, könnte dich vom Alkohol abbringen!" erinnerte er sich der vertrauten großväterlichen Stimme, dessen Schwester als Christin sonntägliche Kirchgängerin war; sie brachte ihren eigenen Kindern die Muttersprache nicht bei, da auch sie in Missionsschulen gelernt hatte, daß das Sprechen von Mohawk gleichbedeutend war mit Leid. Ein Leid, von dem sie nicht wollte, daß es ihre Söhne und ihre Tochter fühlen müßten. Der Onkel nickte während solcherlei Unterredungen öfter, doch tags darauf kam er erneut nicht zur Zeremonie. Er fürchtete den Schmerz zu spüren, weshalb er trank, meinte Großvater. Seit den Erfahrungen in der Missionsschule habe sein Onkel ein Empfinden der Schlechtigkeit in seinem Geist, das er gegen sich, wie die traditionellen Praktiken richte. So seien auch die Schlägereien auf den Reservationen zu verstehen. Tom wurde bewußt, weshalb sein Onkel manchesmal tagelang nach einer familiären Feierlichkeit nicht zu sehen gewesen war. Er saß dann Zuhause und betrank sich aus Scham und Schmerz.

Er verfolgte den Gang der Hofaufsicht über den Platz. Ihre Gestalt, welche die Jugendlichen nur knapp überragte, war steif in der Haltung, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Tench hatte unrecht, wenn er behauptete, den eingeborenen Amerikanern stünde jede Tür in die angloamerikanische oder franko-kanadische Zivilisation und deren Wohlstand offen. Der Generation, der sein Onkel angehörte, war keine Möglichkeit gegeben. Ihnen war die Kultur genommen worden, wie zuvor ihren Ahnen das Land. Diejenigen, die tatsächlich gewillt waren, sich von ihrer indianischen Herkunft zu lösen und die Reste der auf den Reservationen überlieferten Traditionen aufzugeben, um die Armut verlassen zu können, mit der ihnen ihre Kultur zwangsläufig verhaftet zu sein schien, stießen in den anglokanadischen und amerikanischen Städten auf unterschwelligen, wie offenen Rassismus. Die weiße Gesellschaft ließ sie ungern in ihre Motels, Restaurants, Geschäfte und Arbeitsplätze, und drängte sie in neu entstehende indianische Ghettos. Ihnen blieb lediglich übrig von Billiglohnarbeiten zu leben.

Eine Böe kam mit ungestümer Kraft über seinen Körper. Er hob den Blick, die Wolkenbewegungen am Himmelsgewölbe unmittelbar oberhalb eines Gebäudekomplexes betrachtend. Etwas, das in den treibenden Bewegungen der massig wirkenden Dunstkörper lag, zog seine Wahrnehmung auf sich; denn es war, als besäße es Wesenhaftigkeit.

Er sah die Wolkenfelder in einer fließenden Wandlung, die von verschiedentlichen Luftströmungen angehalten wurde. Ihr Muster ging aus der Bewegung der vorhergegangenen Formen hervor. Einer Bewegung, die bereits vor ihrer Ausgestaltung das Kommende in sich enthielt. Irgendwo in der Schale des Himmels schlugen Vogelschwärme gegen den Wind an und nahmen Anteil an den Strömungen einer Luft, welche Dunstkörper bildeten. Auf der Haut des Gesichtes einen andersgearteten Luftzug zu empfinden, der mit seiner Wärme das Wetter eines südlicher gelegenen Ortes in sich trug, war ein wohltuendes Gefühl.

Tom hörte sich von einer festen, ruhigen Stimme mit seinem Namen angesprochen. Der Schatten eines unmittelbar vor ihm Stehenden berührte ihn. Er erkannte Ellington augenblicklich an der lautloseren Art seiner Bewegung, und sah zu dem schlanken, fast dürren Mann Ende vierzig auf, dessen blasse Gesichtshaut wie durch einen Ausschlag ins Rötliche verfärbt war. Jener trug einen schmalen Oberlippenbart. Lächelnd drückte er Tom ein Magazin in die Hand: "Der Bericht dürfte dich interessieren!"

Tom sah das Photo eines ausgewachsenen Bisons mit mächtigem Höcker, der neben einem weiblichen Kalb mit weißem Fell stand, das aufsehend im Gras lag. In diesem Blick war ihm etwas, was taku skanskan, von einer geistigen Lebendigkeit war. In einer angespannten Erregung begann er, das Magazin in den Händen, den unterhalb des Bildes gedruckten Text zu lesen: Indianische Besucher halten auf der Bisonfarm Rocky River mit Erlaubnis des amerikanischen Eigentümers Zeremonien ab. Um das Kalb zu beschützen, hinterlassen sie Gaben wie Medizinbeutel, Türkise, Alabaster und Medizinringe. Ein Wachdienst wurde von den Indianern selbst eingerichtet.

Er wußte von Mutter etwas über den Mythos der weißen Bisonkalbfrau. Diese war die Kulturbringerin ihres Volkes. Traditionelle Lakota würden in der Geburt eines weißen Bisonkalbes ein Zeichen für die Rückkehr heiliger Kräfte innerhalb der Natur sehen. Die schneeweiße Farbe war ihnen ein Symbol für den Neubeginn des Lebenskreislaufes, für eine Umwälzung der Erde durch ihre Naturgewalten. Inwendig sah er die Erde mit ihren Kiefernwaldbeständen entlang der Großen Seen und den kanadischen Großstadtmetropolen unter eistragenden Winden. Im Blick des Albinokalbes lag ihm etwas, das auf eine zukünftige Welt hindeutete.

Über das Magazin gebeugt, sah Ellington den indianischen Schüler in den Text vertieft. Schließlich wendete er sich von Tom ab, der abwesend war. Erst als Ellington die Tür zum Schulgebäude öffnete, sah ihm Tom mit suchendem Blick nach. Er wollte sich bedanken.

Er betrachtete das Bild eines in offener Prärielandschaft vor einem Pferd knienden Mannes. Trotz der Sonnenbrille, die er trug, hatte seine Erscheinung eine traditionelle Würde, die auf ihn mit der gleichen Anziehungskraft wirkte wie die herb-weiche Landschaft des Volkes seiner Mutter im Hintergrund der Photographie. Die unterhalb des Abbildes vom betrachteten Arzol Lokinghorse stehenden Worte, sog er als eine in der Anstalt selten zu erfahrende Bezeugung des Denkens seines Volkes in sich: Wir müssen mit der Erde in eine Beziehung treten. Alle Naturerscheinungen sind in vielschichtiger Weise miteinander verwandt. Wir müssen Achtung vor allem Leben empfinden.

Tom wurde erfahrbar während des Vergrabens des Rehfleisches und dem Beobachten der Luftströme in der Sphäre des Atems Taxtavoom mit seinem Erbe in besonderer Berührung gestanden zu haben, selbst innerhalb der Anstalt.




Das Bild zeigt eine Szene des Pow Wow in Nebraska. Auf der Fahrt dorthin
machten wir in Begleitung des befreundeten Dakota John F. Rast in einem
billigen Restaurant und wurden nicht bedient. Eine bittere Erfahrung des
alltäglichen Rassismus in den USA. Photo von Eberhard Gronau




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"Frei wie der Wind, Tah-OH-pe Nagi"

Roman indianischer Gegenwartsthematik von Alexander A. Gronau, 192 Seiten; 24,95 Eur.

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und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten.


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