Alexander A. Gronau


MASKEN DER MACHT















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Auszug des Kapitels "Das Geheimnis der Masken":


Tosenden Räderwerkes waren zu Allerseelen in einer trotz Wolkenfetzen reichbesternten Nacht mehr als zwei Dutzend Kutschen nach einem Schlosse unterwegs, welches in nahen Gebirgsausläufern lag. Die Landschaft des Tales war lediglich von einigen kultivierten Feldern, Äckern und Dörfern durchsetzt. Jedes der Gespanne befuhr einen anderen einfachen Schotterweg, der irgendwann auf verschlungenen Pfaden zu jenem inmitten unberührter Waldbestände an einem perlend gischtwerfenden Flußlauf gelegenen Gemäuer hinführte, auch wenn noch von keiner der Kutschen das Geringste von jenem verarmten Adelssitz auszumachen war. Deren Geschwindigkeiten waren geradezu horrend. Die Droschken eilten durch die Nachtluft, kühlen Widerstand erzeugend. Es war ein Szenario, das einem Betrachter erscheinen konnte, als stemme sich der Wind den Fuhrwerken entgegen. als zwei Dutzend Kutschen waren in einer trotz Wolkenfetzen reichbesternten Nacht zu Allerseelen unterwegs nach einem Schloß, das inmitten unberührter Waldbestände an einem perlend gischtwerfenden Flußlauf lag. Die Landschaft war lediglich von einigen kultivierten Feldern, Äckern und Dörfern durchsetzt. Jedes der Gespanne befuhr einen anderen einfachen Schotterweg. Ihre Geschwindigkeiten waren horrend. Die Droschken eilten durch die Nachtluft, kühlen Widerstand erzeugend. Es war ein Szenario, das einem Betrachter leicht erscheinen konnte, als stemme sich der Wind den Fuhrwerken entgegen.

Unablässig spornten die Kutscher ihre Rösser mit Peitschenschlägen und Rufen an, was die Nachtluft scharf durchschnitt, während sich die eisenbeschlagenen Räder im lauten Knirschen um die eigenen Achsen drehten wie im närrischen Veitstanz. Die Rufe aus immer heiserwerdenden Kutscherkehlen waren an den Wegesrändern nur Stimmfetzen.

Die violetten Vorhänge an sämtlichen Droschken waren zugezogen, was verhinderte, daß das Mondlicht, welches dem Wald einen silbern-träumerischen Schimmer verlieh, in deren Inneres gelangte. Dort befanden sich in prachtvolle Gewänder gekleidete Fahrgäste. Sie saßen sich schweigend gegenüber ohne daß Blicke einander kreuzten. Ihre Augen muteten ausdruckslos an. Ebenso waren deren Gesichter, die - annähernd faltenlos - von keinem eigenen Leben kündeten. Jegliches Empfinden, ob Freude oder der Zustand des Leids, schien ihnen zur Gänze fremd. Sie waren von Gleichgültigkeit erfüllt.




Die Illustrationen des Buches "Masken der Macht"
stammen aus der Hand des Künstlers
Daniel Castagnaro.

In der Nacht prangte die annähernd voll ausgebildete Scheibe des Mondes und die als freie Muster im All treibenden Sterne immer wieder durch zerrissene Wolkenkörper auf die urwüchsige Landschaft, die eine Vielzahl Getier barg. Am auengesäumten, grünlichen Flußufer stillten Rehe ihren Durst und im hochgewachsenen Wiesengrund ihren Hunger.

Die Hufe der Rosse wie die Räder der zueinanderstrebenden Kutschen schliffen sich in die Feldwege mit der Kraft ihrer Bewegung. Staub wirbelte auf; er wurde vom Wind aufgenommen, gelangte an andere, fernere Orte.

Die Hufe der Rosse schliffen sich ebenso wie die Räder der über unterschiedlichen Wegen allmählich zueinanderstrebenden Kutschen mit der Kraft ihrer Bewegung in die Feldwege. Staub wirbelte auf; er wurde vom Wind aufgenommen, gelangte an andere, fernere Orte. Eine Buche, die vor Jahrzehnten als Samen aus dem Munde eines Nagetieres gefallen war und im Erdreich ihre Wurzeln ausgebildet hatte, spürte mehrere Staubteilchen auf ihr absterbendes Laub rieseln. Der Wind trug die Schwingungen von knallenden Peitschen, eilenden Pferden und knarrendem Räderwerk wie ein ungestümes Lied zu der mit knorrigem Stamm schief gewachsenen Buche hin, die es im Geäst gewahrte. Ihr Wurzelwerk umschloß im Erdreich einen vor tausenden Jahren von geschmolzenen Eisplatten glattgeschliffenen Fels. Eine Kutsche raste lärmend vorüber. Vögel, die im dichten Geäst nisteten, flogen im kreischenden Geschrei auf; es klang als teilten sich Laute. Die geflügelten Tiere kehrten erst in ihre Nester zurück, als das Getöse in die Ferne gerückt war.


Der erste Kutscher fuhr aus dem Dickicht, in dessen Blätterwerk das Mondlicht silberne Schatten warf, die anmuteten wie Silhouetten mythischer, gehörnter Wesen, oder gar wie Waldgötter. Mit eigenartig nüchternen Augen erblickte er das Schloß mit dem grau witterungsbehauchten Mauerwerk unmittelbar hinter einer Steinbrücke aus zusammengefügten, groben Quaderklötzen; diese führte über einen gischtwerfenden Flußlauf; die Forellen glitzerten in seinem Gewässer perlengleich. Der Kutscher zog an den Zügeln und die Pferde begannen gemächlich auf den Wiesenstreifen zuzutraben, wo sie nach einigen verlangsamten Schritten im feuchten Gras stehenblieben. Mehrere Rehe wichen scheu ins Unterholz. Ein paar Sträucher raschelten, als spielte eine Böe mit dem Gezweig. Oder war es eines der im Schatten verborgenen Wesen?

Vom Kutschbock steigend, nahm der Fahrer seinen Hut, der, auf eine Kapuze gestülpt, weit ins Gesicht gezogen war, einen Schal, der den Mund vor der kalten Zugluft schützte und einen abgetragenen, langen Mantel ab. Kurz aufeinander wurden feinsträhnige Haare, eine faltenlose Stirn, die so glatt und blaß beschaffen war wie weißer Marmor, Gesichtszüge ohne jeden Ausdruck, matt aus weiten Höhlen blickende, kleinpupillene Augen, schmale Lippen und ein starrer Hals offengelegt. Er sprang vom Kutschbock und kam leicht ungelenk auf dem Boden auf. Er begab sich zur linken Droschkentür, öffnete diese, und war zwei Insassen ohne jegliche Gemütsregung beim Aussteigen behilflich, welche ihren Kostümen und ihren zierlicheren Figuren nach zu urteilen weiblichen Geschlechts waren. Nach ihnen verließen die im Wagen verbliebenen Fahrgäste das Gefährt. Gemeinsam gingen diese der Steinbrücke zu. Der Kutscher aber, dessen Kopf mit einer schlichten Kapuze bedeckt geblieben war, würde erst viel später Einlaß erbeten.

Weitere drei farblose Kutten tragende Kutscher kamen auf ihren Droschken an unterschiedlichen Stellen aus dem üppig gewachsenen Wald hervorgefahren und machten durch die von ihren Dächern zur Seite gebogenen Zweige mehrere überwucherte Sand- und Schotterwege erkennbar. Sie lenkten ihre Gespanne gemächlich durch das hochstehende Gras - einige Räder zerquetschten Schnecken mit ihrem schützenden und doch so zerbrechlichem Gehäuse - und hielten neben der verlassenen Kutsche.

Der Schloßherr, ein Graf von verarmtem Adel, durchschritt derweil unruhig sein verdunkeltes Wohngemach, den Blick meist zu Boden gerichtet. Er hob ihn ausschließlich im Kinn bedächtig, um gelegentlich einen in Händen haltenden Talisman zu betrachten, dessen Material aus dem Silber des hiesigen Gebirges stammte. Er hielt ihn zumeist mit seinen schlanken Fingergliedern umschlossen, als könne er damit dessen Kraft auf sich übertragen. Der Ausdruck der bangen Hoffnung stand in der Art eines Rufes in den Pupillen des Grafen, die wie nächtliche Gewässer von einer graugesprenkelten Iris gesäumt waren. In der Art wie der Hausherr mit all diesen Erinnerungen durch den Wohnraum schritt, lag eine Anspannung, die seine Haltung beugte, sein Gemüt belegte und jeden seiner Gedanken prägte. Immer wieder zuckte ihm ein Muskel im Rückgrat. Er war sich des Kommenden bewußt. Am heutigen Tag würden einmal mehr jene befremdlichen Gestalten der Maskengesellschaft, der er all seine Alpträume verdankte, in sein weitreichend verfallenes und leichtlich unbewohnt erscheinendes Schloß eindringen. Niemals zuvor hatte er es gewagt, den Maskierten aufzulauern und sie zu stellen.

Der Graf begab sich zum großflächigsten Fenster des Schloßes. In der von einer milchigen Mondscheibe blaß durchschienenen Dunkelheit, die alle landschaftlichen Beschaffenheiten umhüllte, machte er zwölf bereits verlassen dastehende Kutschen als dunkelbläuliche Silhouetten am gegenüberliegenden Flußufer aus. Weshalb hatte er die Droschken nicht vernommen? Dieser Umstand beängstigte ihn. Erstaunt sah er, daß sich ein weiteres Gefährt dem Schlosse näherte. Auch dieses blieb geräuschlos und damit in der Nacht beinah unwahrnehmbar, als ersticke die dunkle Luft die Laute in einem dicken Mantel.




Die Illustrationen des Buches "Masken der Macht"
stammen aus der Hand des Künstlers
Daniel Castagnaro


Neben einer der Droschken standen die kuttentragenden Kutscher unter sich. Er konnte vier schattenhafte Gestalten aussteigen sehen. Als diese die Steinbrücke zum Schloß erreichten, hoben sich ihre prunkvollen Kostüme erkennbar hervor. Das dunstig blaßsilberne Mondlicht trieb mit den gefärbten Stoffen staunendmachende Spiele des Lichtes. Die Gesichter der Gestalten blieben jedoch im Schattenwurf des Schlosses verborgen.

Erschrocken fuhr der Graf zusammen, als er ihr Anklopfen am eichenhölzernen Schloßtor vernahm. Kurz darauf erfolgte das Quietschen der Angeln. Es riß ihn aus dem bloßen, starrenden Beschauen. Sie waren gekommen, um sich in seinem Schloß zu versammeln.


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* HINTERGRUND-INFORMATION und LESERSTIMMEN zum BUCH

"MASKEN DER MACHT"

Phantastische Novelle von Alexander A. Gronau, mit 14 ganzseitigen Illustrationen von
Daniel Castagnaro, einer Posterbeilage des Titelbildes u. 25 Buchstabenornamenten
des 16. Jahrhunderts, erweiterte 3. Auflage, 184 Seiten; 25,95 Eur.

Buch im Großformat, mit rotgoldenem Kopfschnitt manufakturgefertigt
und vom Autor signiert. Alle Rechte vorbehalten.

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